Liebe Leserinnen und Leser!
Die Bibel erzählt, dass sich Jesus nach seiner Auferstehung seinen Freunden gezeigt hatte. Einer von ihnen, Thomas, war beim ersten Mal nicht dabei, sondern hatte nur davor gehört. Als er dann endlich selbst vor Jesus stand, da reichte ihm nicht, ihn nur zu sehen, sondern er wollte ihn auch berühren. Damit er glauben konnte, dass es wirklich Jesus war. Manchmal denke ich: Dieser Thomas gefällt mir. Er ist keiner, der einfach alles glaubt, was andere erzählen. Die anderen Jünger sagen: „Wir haben den Herrn gesehen!“ Thomas aber antwortet ehrlich: Erst wenn ich es selbst erfahre, kann ich es glauben. Wir kennen diese Haltung. Viele Menschen sagen: „Ich weiß nicht so recht, ob ich glauben kann.“ Oder: „Ich habe lange nichts mehr mit Kirche zu tun gehabt.“ Dahinter steckt selten Ablehnung, sondern oft ist es eher eine leise Frage: Hat das wirklich etwas mit meinem Leben zu tun? Jesus weist Thomas in seiner Suche nach etwas Greifbarem nicht zurück. Ganz im Gegenteil: Er kommt ihm entgegen und zeigt ihm seine Wunden – die Spuren dessen, was er durchlitten hat. Plötzlich wird der Glaube für Thomas ganz konkret. Das berührt mich an dieser Geschichte. Erstens: Jeder Mensch glaubt anders, hat andere Bedürfnisse. Zweitens: Jeder Mensch kann zu Jesus kommen und wird nicht abgewiesen. Drittens: Glaube wächst mitten im Leben – mit seinen Erfahrungen, seinen Fragen und auch seinen Wunden. Vielleicht geschieht das auch bei uns, oft ganz unscheinbar. Wenn wir im Gottesdienst zusammenkommen und ein Lied singen, das uns trägt. Wenn beim Gespräch vor der Kirche jemand fragt, wie es dem anderen geht. Wenn Menschen füreinander da sind, füreinander beten und Anteil nehmen, wenn Krankheit oder Sorgen ins Leben treten. Und wenn sie sich miteinander freuen und feiern, wenn es wieder mal einen schönen Höhepunkt gibt. Gerade hier kann Glaube sehr konkret werden: im Miteinander, im Zuhören, in der Sorge füreinander und in der Freude miteinander. Jesus sagt: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Für mich ist das kein Druck, einfach glauben zu müssen, sondern eher eine Einladung zum Vertrauen – auch dann, wenn nicht alles klar und sicht-bar ist. Vielleicht braucht es dafür genau das, was die Kirchengemeinde sein kann: einen Ort, an dem man kommen darf, wie man ist. Mit Glauben – oder mit Zweifeln.
Ich würde mich freuen, wenn wir uns bei der einen oder anderen Gelegenheit begegnen – im Gottesdienst, bei einer Veranstaltung oder einfach im Gespräch.
Ihre Pfarrerin Roseli Arendt
